Jasmin  

 

27.11.2014. Donnerstag. Das Café Jasmin ist wie ein altes Schiff vor sechs Jahrzehnten in der Augustenstraße vor Anker gegangen. Die grauen Polstermöbel, ein großer Wandteppich und die geschwungenen Deckenlampen lassen die Tapeten in matten Goldtönen leuchten, den Farben von Mond und Sonne, als Kontrast zum kühlen Nebelgrau der Straße draußen. An den Nachbartischen sitzen überwiegend Studenten, weil das Universitätsviertel gleich um die Ecke ist.  

Der alte Freund, vertraut seit 26 Jahren, erinnert sich bei diesem Anblick an frühere Zeiten, „Als fünfjähriges Kind war ich ganz lieb.“ „Das glaube ich nicht.“ Den Kaffee kann man hier mit Zimt und Mandeln bestellen. 

Diese Art von gemütlichem Wohnzimmer wird auch in der Großstadt immer seltener. 

Vor dem Rathaus am Marienplatz steht eine gewaltige Fichte, vier Stockwerke hoch. Auf den Zweigen trägt sie die kleinen Leuchtpunkte hunderter Glühbirnen. Heute Nachmittag haben zum ersten Mal sämtliche Weihnachtsbuden geöffnet, schon drei Tage vor dem ersten Advent. Man will verkaufen, immer früher. Auf dem Rathausbalkon singt ein Chor in Wintermänteln. Blechbläser spielen in alter Gebirgstracht „O du fröhliche“ Einkaufszeit. Kaufhäuser und Wirtshäuser sind schon seit Wochen festlich geschmückt. An vielen Fenstern glimmt das kühle Silberfeuer von Lichtbändern an Metallfäden. Sie glitzern durch wechselnde Schaltkreise, wärmen die Herzen und öffnen die Geldbörsen.  

Die einen arbeiten, die anderen schauen und genießen. Was in den Köpfen wirklich kreist, erfährt man manchmal im Gespräch.  

Der flüchtige Kaufrausch gründet sich auf jahrhundertelange Traditionen der Besinnung und Einkehr.  

Die Träume steigern sich nicht zufällig in den dunkelsten Wochen des Jahres. Am 21. Dezember dreht sich das Rad neu, zur Wintersonnenwende. Das Tageslicht bleibt dann langsam immer länger, und die heilige Zahl Drei weist auf die gleich folgenden Tage: Den 24. Dezember und das Weihnachtsfest: Geburt und Neubeginn des Lebens, dazu folgen Silvester und das Neue Jahr.  

Jeder Kreis schließt und öffnet sich, wie die nächtlichen Flüsse im Morgengrauen den Tag erwarten und das aus dem Schlaf erwachende Bewusstsein spiegeln. Die Glut des inneren Feuers belebt die Phantasie.  

Entschleunigung und äußere Gelassenheit prägen diese nachdenkliche Jahreszeit, als Gegenbild zur Finsternis, zu den Schatten des Lebens und des Schicksals. Solche Kontraste stärken und stabilisieren das Innere.