Gesichter Oberfrankens

 

Der letzte Besuch in Oberfranken ist lange her. Das war im August 2013, mit einem Tagesausflug nach Kulmbach.

 

In Oberfranken die Wurzeln des Inneren berühren. Jetzt sind es vier Tage, voll starker, eigener Bilder der Region statt den Abstumpfungen der gewohnten Alltagsrealität, vor allem seit den ersten Besuchen 1981 und dann in vielen Jahren ab 1989 auch der Wunsch, darüber zu schreiben

 

11.11.2014. Dienstag. 12.44 Uhr fährt der ICE nach Nürnberg ab und  hält lange in Augsburg. Die übliche Fahrzeit von einer Stunde verdoppelt sich fast, bis 14.30 Uhr.

 

Nürnberg. Der Handwerkerhof. In der „Fränkischen Weinstube“ kosten sechs kleine Saure Zipfel, helle Brühwürste im Zwiebelsud 8.40 Euro, leider überteuert.

 

Draußen sieht man eine mittelalterlich nachgebaute fränkische Fachwerkidylle.

 

In einem kleinen Laden gibt es aufziehbares, bewegliches Blechspielzeug. Als  kleines Geschenk für andere.  Eine trappelnde Ente, ein hüpfender Frosch und ein buntes Kettenkarussel.

 

Mit dem Verkäufer folgt ein kurzes Gespräch über die mittelmäßige Werbung. Genau gegenüber vom belebten Hauptbahnhof sieht jeder ortsunkundige Reisende nur die fensterlose Stadtmauer mit einem unklaren Schild, „Handwerkerhof“. Zugkräftiger und einladender wäre die Aufschrift „Mittelalterlicher Handwerkermarkt“ vor allem für Fremde klingt das wie „Weihnachtsmarkt. Er verspricht, die Anregung an seinen Chef weiterzugeben.

 

Die Weiterfahrt wird zum unklaren  Lotteriespiel.

 

Planmäßig fährt der Anschlusszug eigentlich um 16.42 Uhr auf Gleis 19. Dann verweist eine Lautsprecherdurchsage plötzlich auf Gleis 20. Dort erscheinen auf beiden wechselnden Hinweistafeln real unmögliche Mitteilungen auf einen zeitgleichen Zug zum oberpfälzischen Amberg.

 

Danach geht der Irrweg weiter zum Gleis 16, wo mit dreißigminütiger Verspätung der Zug wirklich auftaucht und um 17.10 Uhr abfährt.

 

Bayreuth wird gar nicht mehr berührt. Die bekannte Hauptstadt von Oberfranken ist heute anscheinend nur unwichtiges Randgebiet, wie früher zur Zeit der untergegangenen DDR.

 

18.04 Uhr der Ort Lichtenfels in schwarzer Nacht.

 

18.40 Uhr Neuenmarkt-Wirsberg. Dann ein kurzer Halt im kleinen Marktschorgast. 19.05 Uhr ist der Zug endlich am Ziel. Draußen wartet der Gastgeber auf dem Bahnsteig.

 

12.11.14. Mittwoch. Wir fahren zum Waldsteingebirge.

 

Im mystischen Nebel ragt der steinerne Bärenfang, früher mit Falltüren für Wildtiere, die hier Nahrung suchten.

 

Der Waldstein, die Stille der unberührten Natur ist ein starker Kontrast zu allen menschlichen Behausungen und der Reizüberflutung in der Großstadt.

 

Ringsum türmen sich gewaltige graue Granitfelsen. Die zeitlose Urnatur im leichten, kühlen Novemberwind. Die Aussichtsplattform „Schüssel“ mit dem Fernblick in alle Himmelsrichtungen.

 

Beim Aufstieg zu den Resten der Ruine des Roten Schlosses schimmert auf den Felsen hellgrünes Moos.

 

15.00 Uhr verweile ich im Gastraum des beliebten Waldsteinhauses.

 

17.40 Uhr bringt uns ein Taxi zurück durch die frühe, stockdunkle Nacht. Der Fahrer plaudert kritisch über das ländliche Alltagsleben hier, „Die jungen Leute ziehen weg. Die Rentner bleiben und diejenigen, die alles kaputt machen.“

 

18.10 Uhr betreten wir eine holzgetäfelte Pizzeria. Köstlich gewürzte einfache Speisen. Alle Tische sind gut besetzt, an einem ganz normalen Arbeitstag in der Kleinstadt, mitten in der Woche.

 

22.05 Uhr gehen wir.

 

13.11.14. Donnerstag. 9.54 Uhr Abfahrt nach Bayreuth, mit einer pauschalen Bayern-Tageskarte für 27 Euro. 10.30 Uhr sind wir da. Im November vor zwei Jahren war ich zum letzten Mal hier..

 

Das winterstille Festspielhaus am Horizont verschwimmt still in den Grautönen des umliegenden kahlen Waldes. Drinnen machen sich in der Sommersaison organisatorische Mängel und misslungene Inszenierungen breit, an denen Einige gut verdienen.

 

Vor dem Alten Schloss im Stadtzentrum präge die schrägen Dächer kleiner brauner Holzbuden einen beschaulichen „Wintermarkt“.

 

Vor dem Haus Wahnfried ist eine große Baustelle mit ratternden Baggern. Hier will man immerhin den Zustand der Eingangsallee herstellen, so wie es ihn gab zu Richard Wagners Zeit. Die moderne Bushaltestelle und Autoparkplätze sind verschwunden.

 

Ein kleiner Flachbau des Museums informiert die Besucher.

 

Doch im alten Garten stört die Fassade eines gesichtslosen gläsernen Neubaus, in dem auf Steuerzahlerkosten ein überflüssiges Museums entstehen soll. Eine austauschbare Schuhschachtel bis zum Hofgarten, völlig fehl am Platz neben dem weltberühmten historischen Privatgrundstück des Komponisten.

 

Ein Bauarbeiter gibt meiner Kritik Recht, „Da sind Sie nicht der Einzige“.“

 

Wagners von dunklem Efeu umranktes Grab, immerhin, ist unversehrt.

 

Die sinnlose Bauwut aus Steuergeldern, die leblos dunklen Fenster der Baustelle von Wagners Wohnhaus entstanden durch einen Beschluss des örtlichen Stadtrats im Oktober 2009.

 

Den jetzigen Bauzaun gibt es schon seit 2011. Fertig wird das Ganze angeblich 2015, im nächsten Jahr. Für was? Für wen? Für diejenigen, die viel Geld daran verdienen.

 

Ein Ausblenden der Wirklichkeit.

 

Passend dazu erschien heute ein hellsichtiger Artikel im Nordbayerischen Kurier über die Illegalität der Neubau-Beschlüsse, wegen der unbekannten Folgekosten.

 

Eine lokale Symbiose, eine langlebige Connection  aus Lokalpolitik und Bauwirtschaft, die ich schon vor drei Jahren ausführlich in meinem Bayreuth-Blog beschrieben habe.

 

Die Ausübung von geistiger Kraft muss sich im Rahmen der Ethik beschränken, deren Grenzen das Allgemeinwohl schützen sollen.

 

Nebenan ist das Logengebäude mit dem „Deutschen Museum“ der Freimaurer. Ein sandsteinfarbenes klassizistisches Gebäude, nur hundert Meter östlich, auf dem gleichen geographischen Breitengrad wie Haus Wahnfried. Die Bruderschaft hat Wagner unterstützt und in Bayreuth gehalten.

 

Im Osten beginnt auch jeder neue Tag. Ein zentraler Bestandteil der Freimaurerlehre, auf dem Weg des Menschen zur Erkenntnis und Erleuchtung.

 

11.45 Uhr. Ein Mitarbeiter des Museums will mir sofort die Ausstellung zeigen. Ich erinnere ihn an unsere offenen Gespräche und Korrespondenz vor dreieinhalb Jahren.

 

Danach lässt er sich zwar noch kurz blicken, hat aber angeblich „keine Zeit“. „Das Museum ist selbsterklärend.“

 

Zur Zeit gibt es im Haus gar keine anderen Besucher. In der Eingangshalle liegt ein einladender kleiner Stapel von Beitrittserklärungen. Ein Grund zum Informationsaustausch. Immerhin sagt er „Wenn Sie Fragen haben, komme ich gern.“

 

Das ist wie die Ablehnung eines Dialogs. 

Diese Art von Diskretion ist nicht mehr zeitgemäß.

 

Abwehrreflexe gegen Außenstehende, aber nicht, um die Sache fortzubewegen und zu entwickeln. Geheimnistuerei statt einer jahrhundertelang überlieferten Belebung der Mysterien.

 

Gerade im Zeitalter des Internet sind Forschungen nicht zu verhindern und nur vorübergehend zu blockieren.

 

Das kleine Museum ist sorgfältig gestaltet und beschriftet. Maurerkellen und Winkelmaße in anschaulichen Glasvitrinen, auch historische Zeichnungen..

 

Geheimnisvoll sind die Rätselbilder der Symbolik, hinter denen eine eigene, vergeblich ersehnte  letzte Wirklichkeit aufscheint und leuchtet.

 

Der unsichtbare Codex ist der Schlüssel zum Verständnis der Zeichen.

 

Man liest auf Tafeln (sinngemäß):

 

Ge-birge bedeutet eine Vielzahl von Bergen.

 

Ge-meinschaft ist die Gemeinsamkeit der Brüder.

 

Ge-heimnis ist angeblich nur deren vertrautes  Heim, die Geborgenheit der Einge-weihten.

 

Anschließend fahre ich mit dem Stadtbus allein voraus, zum alten Café Döring am Hauptbahnhof. Das Wochenblatt “Zeit“ hat diesmal gute, hintergründige Berichte.

 

17.31 Uhr. Nach den heutigen Enttäuschungen kommt unterwegs im Zug die Traurigkeit. Der Bruch mit Bayreuth scheint von Dauer zu sein. Der Einsatz für Verbesserungen ist sinnlos, aber Kenntnisnahme und Wahrnehmung erweitern das Bild.

 

Ich zitiere aus Schuberts „Winterreise“:

 

„Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten;
Es schlafen die Menschen in ihren Betten,
Und morgen früh ist alles zerflossen.
Je nun, sie haben ihr Teil genossen.
Bellt mich nur fort, ihr wachen Hunde,
Ich bin zu Ende mit allen Träumen.
Was will ich unter den Schläfern säumen ?“

 

Im Wirtshaus sprechen wir nach dem Essen über einen „Zeit“-Kommentar zur neuen Übersetzung des antiken Denkers Lukrez (97 - 55 v.Chr. ), der schon vor zweitausend Jahren in einer sechsbändigen Dichtung „Über die Natur der Dinge“ und über Atome nachdachte, die schon damals verstanden wurden als die kleinsten Teilchen der Welt. Er beschrieb in der Nachfolge Epikurs die Kunst der Lebensfreude und die Verringerung der Angst vor dem Tod.

 

Zu seinen Bewunderern gehörten selbständige, mutige Geister wie Cicero, Macchiavelli, Giordano Bruno, Galilei, Montaigne, Lichtenberg, Nietzsche und Marx.

 

In den letzten Tagen war der Wechsel der Schauplätze stark.

 

Das Wirken anderer Elemente, das höhere Stadium der Entrücktheit und Erleuchtung, ist im Ansturm der Realität oft nur eine Utopie. Gefühlswirbel, die aufrauschen und wieder verwehen.

 

9.54 Uhr fährt der Zug ab.  Auf dem Bahnsteig Wehmut und Nachdenklichkeit beim Abschied.

 

Draußen vor den Fenstern breitet sich die Landschaft aus, deren magisches Novembergrau sich im Sommer verwandelt in leuchtende Traumlandschaften.

 

Unterwegs zeigt die Natur ein überwältigendes, gedämpftes Farbenspiel in Schwarz, verblassendem Gelb, rostrotem Laub, welkenden Blättern auf den Wegen, blauen Himmelstupfern über den auf- und abschwingenden Mittelgebirgen.

 

10.10 Uhr gleitet Bayreuths Bahnhof nach kurzer Fahrtunterbrechung vorbei, ohne Bedauern und Sehnsucht wie in vielen früheren Jahren.

 

Musik und Geist, eigentlich in höchster Form. Aus der Ferne ist das ein alter Traum, in der Nähe mit Schönheitsfehlern.

 

11.05 Uhr Ankunft in Nürnberg. Über den Dächern ragt die alte Kaiserburg, einst ein wichtiges Machtzentrum der mittelalterlichen Fürsten. Nach der Zerstörung der „Parteihauptstadt“ im Zweiten Weltkrieg ist die Burg einer der überschaubaren Zahl von Plätzen, die gerettet und saniert wurden.

 

Ein Spaziergang bis zum Markt, wo die rotweiß gestreiften Buden des Christkindlmarkts von den Händlern gerade befüllt werden.

 

Handwerkerhof. „Behringer’s Bratwurstglöcklein“. Im fränkischen Dirndl bedienen, junge Frauen, eine Türkin und eine Chinesin. Ein Asiate steht vor dem offenen Herdfeuer. Die Welt wächst zusammen, unübersehbar.

 

Die „Fränkische Weinstube“. Die ältere Wirtin speist still an einem Tisch. Sechs junge Leute planen ihren gemeinsamen Abend.

 

18.40 Uhr rollt ein verspäteter  ICE  nach München, bis 20.10 Uhr.