15.11.13. Sonntag. Volkstrauertag. Der graue Himmel verschleiert die Kraft der Sonne. Das Wort „mystisch“ bedeutet in der wörtlichen Übersetzung „neblig“. Aber der Nebel verschleiert nicht nur, er ist auch geheimnisvoll, regt die Phantasie an. Die Mystik, das Geheimnisvolle, ist auch die Grundlage und das magische Hauptelement aller Weltreligionen. Das schwächere Novemberlicht heute dämpft den Blick auf Äußerlichkeiten, aber nicht die Gedankenkraft, schärft die Konzentration.

Nach der Lektüre der Sonntagszeitungen rumpelt die Straßenbahn zum Romanplatz. Von dort ist es nicht weit zu einem alten Wirtshaus mit dunkler Holzvertäfelung, das schon vor hundert Jahren bestand. Auf dem Speisenplan stehen deftige, rustikale Gerichte. Schweinsbraten mit Kartoffelknödl. Rinderroulade mit Kartoffelbrei in würziger, kräftiger Sauce. Das belebt nicht nur den Körper, sondern bringt auch das Gespräch in Schwung.

 Anschließend wandern wir zur Wohnung an der S-Bahn. Ein Kuchen wird angerührt und im Backofen eine Stunde lang erhitzt. Die Zeit, bis er fertig ist, wird mit Kaffee und Tee verbracht und mit dem Austausch einer Überfülle von Erinnerungen, die vor über 25 Jahren begannen. Dunkle und helle Zeiten. Die Änderung der Wertigkeiten. Nur eine Kerze leuchtet auf dem Tisch. Das ist genug an diesem spätherbstlichen Mittag.

 

Später folgt der effektvolle Film „Nebel des Grauens“, den ich vor zwanzig Jahren aufgezeichnet habe. In den Details sind viele Einzelbilder längst vergessen, doch sie werden wieder spannend und lebendig nach so langer Zeit. Allerdings sind die Einzeleffekte nichts Besonderes mehr, in ihrem Zusammenwirken aber immer noch spannend.

Besonders eindrucksvoll ist der farbenprächtige Historienfilm über „Anna Boleyn“, eine der unglücklichen Frauen des rücksichtslosen englischen Königs Heinrich VIII. Farbenprächtige Schauplätze und Kostüme, kluge, spannende Dialoge und eine monumentale Musik wirken zusammen und verstärken sich gegenseitig in ihrer Tiefenwirkung.

Obwohl wir nur zwei Drittel des Films anschauen, ist es unmerklich 0.30 Uhr geworden.Die langen Abende führen an den Bücherschrank mit literarischen Kostbarkeiten. Das Licht der Phantasie leuchtet noch stärker, und jedes Meisterwerk der Worte ist wie ein Dialog mit einem klugen Menschen.

An dunklen Novembertagen entfaltet sich ein starkes Licht im Inneren. Frühe Hochkulturen ziehen vorbei. Die mächtigen, längst verschwundenen Pharaonen, griechische Helden und römische Cäsaren, die im wütenden Wahnsinn oder mit großer Weisheit ihre Macht ausübten. Menschen, die lange vor uns waren, verbinden sich mit eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen. Die Äußerlichkeiten wechseln, doch dahinter wirken zeitlose Mächte.