Berg am See

 

14.10.2013. Ein paar Tage später hat der große See die Farbe Lapislazuli angenommen, das dunkle Königsblau, unter einem fast wolkenlosen Himmel, dessen tief stehende Sonne im rötlich braunen Herbstlaub der Bäume kräftige Farben erzeugt.

Direkt neben dem Schloss Berg, am Anlegesteg der Schiffe, ist ein Seerestaurant, dessen Außenterrasse angesichts der kühlen Temperaturen heute keine Besucher hat.

Drinnen sind die meisten Tische gedeckt und nach 13.00 Uhr reserviert, aber wir brauchen nicht mehr als eine Stunde, um an den Panoramafenstern zu verweilen und auf die sich kräuselnde Wasserfläche zu schauen. Am fernen Ufer gegenüber leuchtet das Starnberger Schloss. Immer noch fahren ein paar weiße Ausflugsschiffe. Segelboote treiben dahin.

 

Dann geht es weiter. Der von altem, dunklem Wurzelwerk durchzogene, schattige Waldweg senkt sich allmählich, bis zu der hellen Lichtung am See, die am Berghang beherrscht wird von der Votivkapelle zum Gedenken an den Tod des Märchenkönig Ludwig II.

Dort steht, ein paar Meter vom Seeufer entfernt, ein schlichtes schwarzes Holzkreuz im Wasser. Hier ertrank der König. Sein ärztlicher Begleiter Bernhard Gudden auch. Zeugen des Vorfalls gibt es nicht, aber eine Vorgeschichte, Hintergründe und wissenschaftliche Erkenntnisse.

 

Der Bau von Ludwigs Märchenschlössern Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee hatte Millionensummen verschlungen.

Der König blieb lieber in seinen Alpenlandschaften als in München die Regierungspflichten zu erfüllen.

Deshalb wollte die bayerische Regierung ihn absetzen, was aber damals nicht so leicht möglich war.

Schließlich erklärte der Arzt Bernhard Gudden ihn per Ferndiagnose für geisteskrank, was er keineswegs war, sondern ein einsamer Sonderling, dessen Träume und Wünsche sich in der Realität nicht erfüllten.

Aus all dem ist zu entnehmen, dass Ludwig vermutlich im See Selbstmord begehen wollte, der Arzt ihm hinterher lief, und dass beide bei einem Handgemenge umkamen.

 

Damals blieb das zunächst für viele Jahre rätselhaft. Aber im Lauf der Zeit wurden immer mehr Fakten bekannt.

Die Monarchie selbst erschien einigen Zeitgenossen damals abschaffungsreif. Als der letzte bayerische König, Ludwig III., im Englischen Garten spazieren ging, teilten ihm Passanten mit, dass gerade die Arbeiterrevolution begonnen und seine Herrschaft beendet hatte.

 

Seitdem ist ein Jahrhundert vergangen. Aber die Zeichen der Vergangenheit sprechen ihre eigene Sprache. Sie sind oft völlig unterschiedlich. Aber in ihrem Inneren enthalten sie Regelwerke, deren Abläufe und ihre Folgen, die bis in die Gegenwart reichen.

Das gilt auch für längst versunkene Epochen - die ersten Hochkulturen in Ägypten, China, später in Griechenland und Rom.

Ludwigs Schlösser wurden nach seinem Tod für das Volk geöffnet und sind heute ein beliebtes Ausflugsziel für zahlende Besucher aus aller Welt, die sich an den phantasievollen Märchenwelten erfreuen.

Das Geld, das ihre Errichtung verschlang, hat längst seine Funktion verwandelt, als erhebliche Einnahmequelle des Staats und als ein Erlebnis für jeden, der einmal dort war.